Fotos: Michael Ritzki

Back to the roots

StadtMagazin. Die Four Fiddler, Manfred Mauenbrecher, Liederjan, Fiddler’s Green – aber auch Stefan Stoppok und selbst vor vielen Jahren Herbert Grönemeyer … Sie alle haben hier in Witten in die Saiten und Tasten gegriffen, haben ihre Songs zum Besten gegeben. Folk hat bei uns eine lange Tradition. Angefangen hat alles mit Hildegard Doebner. Sie hatte 1974 den Wittener Folkclub gegründet, hat mit ihrer Leidenschaft für diese urwüchsige, dabei enorm facettenreiche Musikrichtung zahlreiche Ruhrstädter angesteckt und – fast noch beeindruckender – mit ihrem Enthusiasmus dafür gesorgt, dass viele Musiker unsere Stadt als lebendige ›Austragungsstätte‹ kennen- und schätzen gelernt haben. Hildegard Doebner weilt nicht mehr unter uns, vor 17 Jahren verstarb die Wittener Ikone. Und doch spielt Folk nach wie vor eine große Rolle vor Ort. Zu verdanken ist dies dem Verein WittenFolk e.V.

2005 neu durchgestartet

»Nach dem Tod von Hildegard ging es eine Zeitlang durchaus bergab. Schließlich, es war im Jahr 2005, dachten wir: Wir müssen mal wieder was für Folk in Witten tun! Und so haben wir damals den neuen Verein – WittenFolk e.V – gegründet«, erzählt die 1. Vorsitzende Lilo Dannert. ›Wir‹ – das waren neben Lilo und Helmut Dannert noch Jörg und Simone Stoppel, Gisela Ocken, Sylvia Smart und Paul Wood. »Mit sieben Leutchen sind wir damals durchgestartet, und von ihnen sind auch heute noch sechs aktiv dabei.« Äußerst aktiv übrigens: Jeder bringt sich ein, jeder hat seine Aufgabe, jeder macht mit. Und so wird das ganze Jahr über ein äußerst abwechslungsreiches, lebendiges Angebot auf die Beine gestellt.

Magnet: Folk am Fluss

Jeden dritten Montag im Monat ist FolkClub-Tag im Maschinchen Buntes mit Auftritten unterschiedlichster Künstler und Bands. »Das Maschinchen Buntes ist für uns ein echter Glücksfall. Das passt einfach hervorragend und insbesondere ist Techniker Gerald einfach nur klasse: gut und geduldig – er kann es!« Daneben gibt es Veranstaltungen mit anderen Vereinen und Institutionen wie beispielsweise das gemeinsame Klezmer-Konzert mit der Deutsch-Israelischen Gesellschaft in diesem Frühsommer. Über einige Zeit wurde das allseits äußerst beliebte Folkfestival durchgeführt, hier fehlt es momentan leider an den nötigen finanziellen Ressourcen. Und dann ist da natürlich noch Folk am Fluss in Kooperation mit der Wabe – »der Magnet schlechthin! Eine Band aus der näheren Region, dazu ein gemütliches Lagerfeuer vor der Kulisse des Königlichen Schleusenwärterhauses, eine schönere Atmosphäre gibt es kaum«, lächelt Lilo Dannert.

»Ihr habt einen guten Ruf!«

»Wir versuchen, viele gute Musiker hier nach Witten zu holen. Wobei, wir holen die gar nicht«, erzählt sie schmunzelnd. »Viele melden sich von sich aus, weil sie die Atmosphäre bei uns großartig finden.« Auch für die große Gala im Jahr 2008 beispielsweise war die Künstlerliste ruckzuck gefüllt, darunter viele Musiker, die schon damals mit Hildegard Doebner zu tun hatten und sogar echte Freundschaften mit ihr entwickelten. Doch ebenso waren – und sind – neue Gesichter ausgesprochen gern dabei. »Ihr hab einen guten Ruf!«, so lautet die durchgängige Meinung. »So meinte mal der über alle Maßen angesagte Berliner Singer-/Songwriter Lüül: Ich find’ euch echt toll, da spiel’ ich auch für kleines Geld«, berichtet Lilo Dannert.

Kulturprogramm für alle Wittener

Ach ja, das liebe Geld. Große Honorarsprünge kann WittenFolk nicht machen. Unter anderem ist es ja ein Anliegen, den Genuss dieser so besonderen Musik bei uns in der Ruhrstadt möglichst vielen Fans zu einem bezahlbaren Obulus zu erschließen. »Bei unseren Montagskonzerten im Maschinchen Buntes nehmen wir einen Euro Eintritt, in der Pause lassen wir dann einen Hut ’rumgehen. Es soll sich doch möglichst jeder, der Freude daran hat, den Abend leisten können. Die Künstler zahlen wir dann vom Verein aus. Schließlich müssen die Musiker wissen, auf was sie sich einlassen, und dass sie sich auf eine faire Gage verlassen können.« Zwölf Euro Jahresbeitrag zahlen die Mitglieder, der Rest wird durch Spenden finanziert. »Hier könnten wir durchaus noch Unterstützung gebrauchen und würden uns über weitere Sponsoren sehr freuen. Schließlich geht es um die Förderung regionaler Musiker, aber vor allem darum, auch sozial schwächer gestellten Wittenern ein abwechslungsreiches Kulturprogramm zu ermöglichen. Und wir würden auch ausgesprochen gern wieder unser Folkfestival auf die Beine stellen.«

Folk lässt sich nicht in eine Schublade packen

Wieso eigentlich Folk, Lilo Dannert? »Die Ursprünge meiner Verbundenheit dazu liegen unter anderem wohl darin begründet, dass ich ein großer Irlandfand bin. Mit dem Fahrrad und mit dem Wohnmobil – rauf und runter – haben mein Mann und ich in Urlauben das Land durchstreift. Neben der wunderbaren Landschaft war es aber vor allem die Kneipenszene, die uns begeistert hat. Wir haben da wirklich tolle Erlebnisse gehabt: spontane Sessions von Musikern, die Funken sprühten nur so.« Wobei ihrer Meinung nach Folkmusik längst nicht nur auf keltische Klänge zu reduzieren ist. »Folk lässt sich nicht klassifizieren oder in bestimmte Schubladen packen. Es gibt auch in anderen Ländern und Regionen als Folk zu bezeichnende Musik, sogar bei deutschen Bands und Liedermachern. Überhaupt ist diese ganz eigene, dabei derart vielfältige Klang- und Machart hierzulande stark im Kommen. Es handelt sich um Musik, die Wurzeln hat – eine Musik, nach der ein starkes Bedürfnis herrscht, welches bei uns viel zu lange verdrängt wurde. Es gibt so einige Gründe dafür, warum unsere Volkslieder nicht mehr gehört werden, wie den Zweiten Weltkrieg und insbesondere Hitler, der die deutsche Volksmusik für seine Belange missbrauchte ...  Und doch haben wir Sehnsucht nach Melodien und Songs, die unsere Beziehung zum Land, zu seinen Menschen und Traditionen ausdrücken.« Also widmen sich immer mehr Musiker und Bands mit Schmiss, Schwung und Leidenschaft diesem Genre, wie zum Beispiel die Dortmunder Band Dieselknecht, die ›alte‹ Pfadfinderlieder zu neuem Leben erweckt – zur Begeisterung des Publikums. »Die Szene wächst, auch und vor allem bei den jungen Leuten!«

Bericht aus dem StadtMagazin (Ausgabe 111, 10/2017)

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